Der klügste Deutsche: Mit Niveau auf Privatsenderniveau herablassen
Ein fauler Blogger wie ich kommt nur alle paar Wochen wieder auf die Idee auf seinen Blog zu schreiben. Nämlich dann, wenn ich was zu bemängeln habe und/oder mich ärgere. In diesem Fall ist es die TV-Show “Der klügste Deutsche 2011″, die am gestrigen Abend im ARD zur Prime-Time gezeigt wurde. Nach der Ankündigung in der Fernsehzeitschrift hatte ich einen Rätsel- und Knobelabend erwartet. Was das ARD aber abgeliefert hat, war eine Verschwendung von Fernsehgebühren, bei der man sich immerhin “siezt” und die selbst ernannte Klugheits-Jury den Kandidaten nicht ungespitzt in den Boden rammt, wie man es von manchen Privatsendern der Marke Solariumsbraun kennt.
Die ganze Aufmachung der Sendung war eins-zu-eins von den berühmten Superstar-Castings der Privatsender abgekupfert: Man tourt mit einem Bus durch Deuschland und macht einen gewaltigen Wirbel um diese Show. Im Internet konnte man sich ebenfalls bewerben. Nachdem hier schon die Spreu vom Weizen getrennt wurde, wurde unter “wissenschaftlicher Aufsicht” ein Test zu Papier gebracht. Die finalen Kandidaten wurden dann der zuvor genannten “Klugheits-Jury” vorgestellt. Die Jury besteht aus Judith Rakers, Eckart von Hirschhausen und Matthias Opdenhövel. Gewiss drei schlaue Köpfe, aber sie trumpfen eher durch Witz, Charme und Aussehen, als durch die Kompetenz den klügsten Deutschen zu küren. Da ist Herr Solariumsbraun von RTL eher geeignet einen Superstar zu bewerten.
Aber das alles sind noch keine Faktoren für einen TV-Flop. Es ist eher die Problematik Klugheit zu messen. Daran hat die ARD auch gedacht und sich deshalb einen Professor für Gehirnforschung von der TU Braunschweig besorgt. Dass der den Krampf mitgemacht hat wundert mich allerdings. Wenn ich einen gewaltigen Titel (“Klügster Deutsche”) verleihe möchte ich als Zuschauer einen fairen Wettkampf sehen, bei dem ich im Idealfall noch ein wenig mitspielen kann. Diese Show misst die Klugheit der Kandidaten während der Live-Sendung mit 16 Fragen innerhalb von 90 Sekunden und einer praktischen Aufgabe. Und hier entsteht das eigentlich Problem, das mich gewaltig ärgert:
1. Um einen Vergleich der Allgemeinbildung der einzelnen Kandidaten vernünftig prüfen zu können, müssten viel mehr Fragen gestellt werden und vor allem jedem Kandidaten die gleichen Fragen. Das war beides nicht der Fall und hat zum Zuschauen auch nicht viel Spaß gemacht, weil es viel zu schnell ging ( – die Kandidaten waren wirklich gut).
2. Der Schwierigkeitsgrad der praktischen Aufgaben war extrem ungleich und haben jeweils andere kognitiven Fähigkeiten geprüft. Somit war es vom Zufall bzw. dem Glück abhängig, ob der jeweilige Kandidat gute Chancen hatte.
3. Von den sechs Kandidaten wurde eine/r von der Jury ins Finale gewählt. Die anderen fünf mussten sich der Wahl des Publikums stellen. Nachdem das Publikum auch alles “Raketenforscher” und Nobelpreisträger waren, wurde hier eine große objektive Komponente zur Selektion eingebaut, die die Jury ein wenig entlastet ( – Ironie). Den Wissenschafts-Lektor mit Doktortitel, der die einfachste praktische Aufgabe hatte, wurde von der Jury direkt ins Finale gewählt. Übrig blieben:
- Schwangere, hübsche und große Blondine. Mutter von einem Kind und Pilotin bei einer deutschen Airline mit einer im Vergleich einfachen praktischen Aufgabe, die sie mit Bravour gemeistert hatte.
- Lebenskünstler und Knochenmarkspender, der sich sein täglich Brot mit Puppentheater für Kinder verdient.
- Produktmanagerin für Schweineprodukte und Tiermedizinerin
- Kurzharige Englischlehrerin
- 24-jähriger Physik-Student, der Begriffe wie “Hexagonal dichteste Kugelpackung” kennt und vermutlich ein zukünftiger Nobelpreisträger sein wird.
Als ich dann die Kandidaten gegen Ende der Show kennen gelernt hatte und auch die Methodik, mit der selektiert wird, war mir klar, dass es hier nicht um Klugheit geht, sondern um Sympathie. Und wenn Sie (ich bleibe heute mal beim Sie) diese Kandidatenaufzählung lesen – Wer glauben Sie kam ins Finale? Drei von diesen Fünf wurden ins Finale gewählt. Vom Publikum.
Nach dieser Show und dem unzufrieden stellenden Ergebnis habe ich mich gefühlt wie nach einer 6-Stunden-Session “Schlag den Raab” inkl. 2 Stunden Werbung. Beides werde ich mir nie wieder anschauen. Vielleicht bin ich der falsche Zuschauer für diese Klugheits-Show. Denn ich wünsche mir Objektivität. Vermutlich ging es hier nur um Unterhaltung. Aber ich frage mich, wer sich durch diese Sendung unterhaltet gefühlt hat. Gibt es da jemanden? Wie ist Ihre Meinung?
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